Beckenbodentraining: Übungen und Anleitung für einen starken Beckenboden
Viele Menschen merken es erst, wenn die Beschwerden schon da sind: Ein Niesen oder Husten führt zu unwillkürlichem Urinverlust, der Unterleib fühlt sich nach einer Geburt ungewohnt schwer an, oder das Becken schmerzt nach dem Sport. Dahinter steckt oft eine Gruppe von Muskeln, die im Verborgenen arbeitet und selten gezielt trainiert wird. Mit einem strukturierten Beckenbodentraining können viele dieser Beschwerden gelindert werden. Dieser Ratgeber zeigt Ihnen, wie der Beckenboden aufgebaut ist, welche Beckenbodenübungen wirklich helfen, wie Sie mit dem Training richtig starten, und wann eine physiotherapeutische Begleitung sinnvoll ist.
Was ist der Beckenboden?
Aufbau: drei Muskelschichten
Der Beckenboden ist ein Geflecht aus Muskeln und Bindegewebe, das am unteren Ende des Beckens sitzt. Er besteht aus drei übereinanderliegenden Schichten, die von der Schambeinfuge bis zum Steißbein verlaufen. Die tiefste Schicht bildet das Diaphragma pelvis mit dem Musculus levator ani, der den größten Teil der Tragkraft übernimmt. Die mittlere Schicht, das Diaphragma urogenitale, unterstützt vor allem die Harnröhren- und Genitalstrukturen. Die äußerste Schicht bilden die Schließ- und Schwellkörpermuskeln rund um Harnröhre, Scheide und Anus.
Frauen und Männer haben denselben dreischichtigen Aufbau. Bei Frauen ist die mittlere Öffnung breiter, da Harnröhre, Scheide und Darmausgang nebeneinander verlaufen. Diese anatomische Besonderheit macht den Beckenboden bei Frauen anfälliger für Schwächezustände, besonders nach Schwangerschaften.
Funktion des Beckenbodens
Der Beckenboden übernimmt im Körper drei wesentliche Aufgaben. Erstens trägt er die inneren Organe, also Harnblase, Gebärmutter und Darm, und gibt ihnen Halt. Zweitens steuert er die Öffnungs- und Schließmechanismen von Harnröhre und Mastdarm. Drittens stabilisiert er gemeinsam mit der tiefen Bauch- und Rückenmuskulatur das Becken und die Lendenwirbelsäule. Wer den Beckenboden gezielt trainiert, stärkt damit indirekt auch den Rumpf, was beim Core-Training als Basis der Körperstabilität eine wichtige Rolle spielt.
Anzeichen einer Beckenbodenschwäche
Eine geschwächte Beckenbodenmuskulatur äußert sich auf unterschiedliche Weise. Häufige Zeichen sind:
- Ungewollter Urinverlust beim Husten, Niesen, Lachen oder Sport (Belastungsinkontinenz)
- Starker, plötzlicher Harndrang, dem man kaum widerstehen kann (Dranginkontinenz)
- Ein Druck- oder Schweregefühl im Unterleib, das sich im Stehen verstärkt
- Rücken- oder Beckenschmerzen nach körperlicher Belastung
- Verminderte Wahrnehmung oder Taubheitsgefühle im Beckenbereich
Wenn Sie mehrere dieser Zeichen bei sich beobachten, lohnt sich ein gezieltes Beckenbodentraining. In einigen Fällen ist eine physiotherapeutische oder ärztliche Untersuchung der sinnvollere erste Schritt, um die Ursache genauer einzugrenzen.
Für wen ist Beckenbodentraining besonders wichtig?
Nach Schwangerschaft und Geburt
Schwangerschaft und Geburt stellen den Beckenboden vor eine enorme Belastung. Das wachsende Gewicht des Kindes drückt über Monate auf die Beckenbodenmuskulatur. Eine vaginale Geburt kann das Gewebe zusätzlich dehnen oder verletzen. Deshalb gilt Beckenbodentraining nach der Geburt als fester Bestandteil der Rückbildung.
Ein Rückbildungskurs, den gesetzliche Krankenkassen in der Regel finanzieren, setzt gezielt an diesen Strukturen an. Wann genau mit dem Training begonnen werden kann, hängt vom individuellen Heilungsverlauf ab. Nach einer vaginalen Geburt ohne Komplikationen empfehlen Physiotherapeuten oft den Start ab der 6. bis 8. Woche. Nach einem Kaiserschnitt oder einem Dammriss sollte die Freigabe immer ärztlich erfolgen. Weiterführende Informationen zur physiotherapeutischen Begleitung bei Blasenbeschwerden finden Sie in unserem Artikel zur Inkontinenzbehandlung.
Bei Blasenschwäche und Harninkontinenz
Harninkontinenz betrifft Frauen aller Altersgruppen. Besonders die Belastungsinkontinenz hat häufig eine funktionelle Ursache: Die Beckenbodenmuskulatur ist nicht kräftig genug, um den Schließmuskel der Harnröhre bei plötzlichem Druckanstieg zuverlässig zu unterstützen. Regelmäßiges Training kann die Muskulatur kräftigen und damit den Urinverlust in vielen Fällen reduzieren. Bei anhaltenden Beschwerden empfiehlt sich eine ärztliche Abklärung, bevor man ausschließlich auf Selbsttraining setzt.
Bei Beckenbodensenkung (Deszensus)
Eine Beckenbodensenkung, medizinisch Deszensus genitalis, entsteht, wenn die Haltestrukturen nachlassen und sich Organe wie Gebärmutter oder Blase absenken. Typisch ist ein Druck- oder Fremdkörpergefühl, das im Stehen zunimmt. Beckenbodentraining kann in leichten Fällen dabei helfen, die Muskulatur zu stärken und die Symptome zu lindern. Bei ausgeprägten Beschwerden ist eine gynäkologische Untersuchung notwendig, bevor mit dem Eigentraining begonnen wird.
Im Sport und bei körperlicher Belastung
Auch sportlich aktive Frauen und Männer profitieren vom Beckenbodentraining. Bei Disziplinen mit hohen Aufprallbelastungen wie Joggen, Trampolinspringen oder schwerem Kraftsport wirken große Druckkräfte auf den Beckenboden. Ein gezielt trainierter Beckenboden kann dabei helfen, diese Kräfte besser aufzufangen und die Beckenorgane zu schützen. Außerdem kann ein kräftiger Beckenboden die Haltungsstabilität und damit die Bewegungsqualität insgesamt unterstützen.
Den Beckenboden richtig erspüren
Der häufigste Einstiegsfehler beim Beckenbodentraining ist, dass die falsche Muskulatur angespannt wird. Bevor Sie mit gezielten Übungen beginnen, sollten Sie die Beckenbodenmuskulatur bewusst wahrnehmen können.
Methode im Liegen
Legen Sie sich auf den Rücken, stellen Sie die Knie auf und stellen Sie die Füße hüftbreit auf den Boden. Atmen Sie ruhig ein und aus. Stellen Sie sich nun vor, Sie würden mit der Scheide eine Murmel nach oben ziehen, oder bei Männern: den Penis zur Bauchdecke hin einziehen. Halten Sie diese Spannung für 3 bis 5 Sekunden. Dann lassen Sie bewusst los, vollständig und ohne Eile. Das Loslassen ist genauso wichtig wie das Anspannen. Ein dauerhaft verspannter Beckenboden kann ebenfalls Beschwerden verursachen.
Eine alternative Methode: Stellen Sie sich einen Aufzug vor, der Stock für Stock nach oben fährt. Beim Ausatmen spannen Sie den Beckenboden stufenweise an, beim Einatmen lassen Sie ihn stufenweise los. Diese Visualisierung hilft besonders Einsteigern, die Anspannung dosiert aufzubauen.
Häufige Anfängerfehler
Beim Beckenbodentraining gibt es typische Fehler, die den Trainingseffekt verringern oder sogar Beschwerden verursachen können:
- Anspannen der Gesäßmuskeln oder Innenschenkel statt des Beckenbodens
- Anhalten der Luft statt gleichmäßigem Atmen während der Übung
- Einziehen des Bauches anstelle einer gezielten Beckenbodenaktivierung
- Überspringen der Entspannungsphase, weil sie weniger bewusst wahrgenommen wird
- Zu schnelles Steigern der Intensität ohne stabile Körperwahrnehmung
Wenn Sie unsicher sind, ob Sie die richtige Muskulatur aktivieren, kann eine Physiotherapeutin oder ein Physiotherapeut mit Biofeedback-Geräten sichtbar machen, welche Muskeln tatsächlich arbeiten und ob die Anspannung korrekt ausgeführt wird.
Beckenbodenübungen: Von Einsteiger bis Fortgeschrittene
Die folgenden Übungen bauen aufeinander auf. Beginnen Sie mit Stufe 1 und steigern Sie das Niveau erst, wenn Sie die Grundspannung sicher beherrschen. Alle Übungen können ohne Geräte zuhause durchgeführt werden.

Stufe 1: Grundübungen für Einsteiger
Übung 1: Grundspannung im Liegen
Ausgangsposition: Rückenlage, Knie aufgestellt, Füße hüftbreit auf dem Boden. Atmen Sie aus und ziehen Sie dabei den Beckenboden langsam nach oben, wie einen Aufzug, der in den ersten Stock fährt. Halten Sie die Spannung 5 Sekunden. Dann atmen Sie ein und lassen Sie vollständig los. Wiederholen Sie diese Übung 10-mal in 3 Durchgängen täglich.
Übung 2: Schnelles Anspannen
Ausgangsposition wie oben. Spannen Sie den Beckenboden schnell und kräftig an, halten Sie 1 bis 2 Sekunden, dann schnell loslassen. Diese Übung trainiert die schnellen Muskelfasern, die bei plötzlichem Druckanstieg gebraucht werden, zum Beispiel beim Niesen oder Husten. 10 Wiederholungen, 3 Sätze.
Stufe 2: Aufbautraining
Übung 3: Schulterbrücke (Bridging)
Ausgangsposition: Rückenlage, Knie aufgestellt. Atmen Sie aus, aktivieren Sie den Beckenboden und heben Sie das Becken langsam vom Boden ab, bis Schultern, Hüfte und Knie eine gerade Linie bilden. Halten Sie 5 bis 8 Sekunden. Senken Sie das Becken langsam ab und lassen Sie los. 10 Wiederholungen, 2 bis 3 Sätze. Die Schulterbrücke trainiert gleichzeitig Beckenboden, Gesäß und Rückenstrecker.
Übung 4: Katzenbuckel mit Beckenbodenaktivierung
Ausgangsposition: Vierfüßlerstand auf der Matte, Hände unter den Schultern, Knie unter den Hüften. Atmen Sie aus und runden Sie dabei den Rücken nach oben, ziehen Sie gleichzeitig den Beckenboden nach innen oben. Halten Sie 3 Sekunden. Dann atmen Sie ein, senken Sie den Rücken leicht in eine neutrale Stellung und lassen Sie den Beckenboden los. 12 Wiederholungen, 2 Sätze.
Stufe 3: Fortgeschrittene Übungen
Übung 5: Kniebeugen mit Beckenbodenaktivierung
Ausgangsposition: Stand, Füße schulterbreit. Atmen Sie ein. Senken Sie sich beim Ausatmen in die Kniebeuge und aktivieren Sie gleichzeitig den Beckenboden. Beim Aufstehen lassen Sie die Spannung kontrolliert nach. Diese Übung trainiert den Beckenboden unter funktioneller Alltagsbelastung, da ähnliche Druckverhältnisse wie beim Heben entstehen. 12 bis 15 Wiederholungen, 3 Sätze.
Übung 6: Einbeinige Schulterbrücke
Wie die klassische Schulterbrücke, jedoch strecken Sie nach dem Anheben des Beckens ein Bein gestreckt aus. Das Becken bleibt dabei gerade, der Beckenboden ist aktiviert. 8 Wiederholungen pro Seite, 2 Sätze. Diese Übung erfordert eine stabile Körperwahrnehmung und sollte erst nach sicherer Beherrschung von Stufe 1 und 2 begonnen werden.
Trainingsplan: Wie oft ist sinnvoll?
Für spürbare Ergebnisse empfehlen Physiotherapeuten in der Regel 3 bis 5 Trainingseinheiten pro Woche, jeweils 10 bis 15 Minuten. Erste Verbesserungen des Körpergefühls stellen sich oft nach 4 bis 6 Wochen ein. Eine deutliche Kräftigung der Muskulatur braucht erfahrungsgemäß 3 bis 6 Monate regelmäßigen Trainings. Kontinuität zählt dabei mehr als Intensität.
Beckenbodentraining im Alltag
Beckenbodentraining muss nicht immer auf der Matte stattfinden. Kleine Alltagsgewohnheiten können die Muskulatur zusätzlich schulen, ohne extra Zeit zu kosten.
- Beim Niesen und Husten: Beugen Sie sich leicht nach vorne und aktivieren Sie kurz vor dem Niesreiz bewusst den Beckenboden. Das reduziert den plötzlichen Druckanstieg im Bauchraum.
- Beim Heben: Atmen Sie aus und spannen Sie den Beckenboden an, bevor Sie eine Last anheben. So schützen Sie Beckenboden und Lendenwirbelsäule gleichermaßen.
- Beim Treppensteigen: Aktivieren Sie bei jedem Schritt kurz den Beckenboden. Treppensteigen ist damit eine wirksame Alltagsübung ohne Extraaufwand.
- Beim Aufstehen aus dem Stuhl: Atmen Sie aus und aktivieren Sie den Beckenboden, wenn Sie sich hochdrücken.
Wer diese Gewohnheiten einübt, trainiert den Beckenboden mehrfach täglich. Ergänzende Übungen für den Rücken und die Körpermitte finden Sie auch in unserem Beitrag zu 5 effektiven Übungen für einen starken Rücken.
Wann ist physiotherapeutische Behandlung sinnvoll?
Selbsttraining hilft vielen Menschen weiter. In bestimmten Situationen kann eine professionelle physiotherapeutische Begleitung der sicherere Weg sein, um Beschwerden gezielt anzugehen und Fehlbelastungen zu vermeiden.

Biofeedback-Therapie
Bei der Biofeedback-Therapie messen kleine Sensoren die Muskelaktivität des Beckenbodens und machen sie auf einem Bildschirm sichtbar. So kann die Therapeutin genau zeigen, welche Muskeln aktiv sind, ob die Anspannung richtig ausgeführt wird und ob die Entspannung vollständig gelingt. Diese Methode eignet sich besonders für Menschen, die unsicher sind, ob sie den Beckenboden überhaupt korrekt ansteuern, oder bei denen Selbstübungen keine Verbesserung gebracht haben.
Elektrotherapie
Im Rahmen eines individuellen Behandlungskonzepts kann Elektrotherapie eingesetzt werden. Dabei werden sanfte elektrische Impulse auf die Beckenbodenmuskulatur übertragen, um die Muskelaktivität zu unterstützen. Die Entscheidung über den Einsatz dieser Methode trifft der behandelnde Physiotherapeut gemeinsam mit dem Patienten auf Grundlage der individuellen Befundlage.
Nach Kaiserschnitt oder Dammriss
Nach einem Kaiserschnitt ist der Beckenboden selbst nicht direkt verletzt, aber Bauchmuskulatur, Faszien und die umliegenden Strukturen haben eine Operation erlebt. Eine physiotherapeutische Narbenbehandlung und ein angeleitetes Aufbautraining können den Heilungsprozess begleiten und Fehlbelastungen vermeiden helfen. Bei einem Dammriss oder Dammschnitt (Episiotomie) empfiehlt sich Physiotherapie, um das Narbengewebe zu mobilisieren und die Körperwahrnehmung im betroffenen Bereich zu fördern. Einen Überblick über die Möglichkeiten der Krankengymnastik in unserer Praxis finden Sie in unserem Beitrag zur Krankengymnastik am Gerät.
Wann zum Frauenarzt, wann direkt zur Physiotherapie?
Zunächst zur Frauenärztin oder zum Frauenarzt sollten Sie, wenn:
- neu aufgetretene oder zunehmende Harninkontinenz ohne erkennbaren Auslöser vorliegt
- Blutungen oder ungewöhnlicher Ausfluss auftreten
- Schmerzen beim Geschlechtsverkehr bestehen
- der Verdacht auf eine Organsenkung besteht
Zur Physiotherapie können Sie in vielen Fällen auch direkt gehen, wenn Sie bereits eine ärztliche Diagnose haben, nach einer Entbindung einen Rückbildungsbedarf haben oder den Beckenboden vorbeugend stärken möchten. Ihr Arzt oder Ihre Ärztin stellt bei medizinischer Indikation eine Verordnung für Beckenbodentherapie aus, die von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden kann.
Wichtige Warnsignale: Wann Sie einen Arzt aufsuchen sollten
In einigen Situationen sollte ein Arzt zeitnah aufgesucht werden:
- Plötzlicher oder vollständiger Kontrollverlust über Blase oder Darm
- Starke Schmerzen im Beckenbereich, die nicht nachlassen
- Beschwerden, die sich nach mehreren Wochen Training verschlechtern statt verbessern
- Taubheit oder Kribbeln im Dammbereich nach der Geburt
Diese Beschwerden erfordern eine ärztliche Abklärung, bevor das Training fortgesetzt oder intensiviert wird.
Beckenbodentherapie in der Physiotherapiepraxis in Bonn
In unserer Praxis in Bonn begleiten wir Patientinnen und Patienten mit Beckenbodenbeschwerden mit einem individuell abgestimmten Therapiekonzept. Ob nach einer Geburt, bei Inkontinenz oder als Prävention: Unsere Physiotherapeuten analysieren die Situation und erarbeiten mit Ihnen einen gezielten Trainingsplan. Bei Bedarf setzen wir Biofeedback-Geräte ein, um die Körperwahrnehmung zu schulen und den Trainingsfortschritt sichtbar zu machen. Vereinbaren Sie gerne einen Termin in unserer Praxis in Bonn.
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